Brand Stories: Wer steckt hinter einer Marke, was will sie, und was macht sie echt? Heute: Rachel Ojuromi.
Viral gehen kann heute fast jeder. Eine Marke daraus machen, schaffen die wenigsten. Ein paar Monate ist es her, da filmte Rachel Ojuromi in Lagos Outfits aus Secondhand-Teilen, mitten auf der Strasse, zwischen Marktständen und Tankstellen. Am 5. Oktober 2026 lief sie im Grand Palais in Paris. Rachel ist 22 und kein klassisches Model. Sie ist eine Person, die zur Marke geworden ist, mit einer klaren Handschrift, einem Team und einer Haltung. Genau das macht sie für mich zur Brand Story.
Das Video, das alles ins Rollen brachte: Laufsteg-Looks, nachgestylt mit Secondhand-Teilen auf den Strassen von Lagos.
Die Geschichte
Mode kennt Rachel von klein auf. Ihre Mutter verkaufte Kleider an einem Marktstand in Lagos, und sich gut anzuziehen gehörte zum Alltag. Rachel selbst ging zuerst in Richtung Film, dann kamen Kommunikation, Schreiben und Creative Direction. Ausserdem gründete sie The Process Africa, eine Plattform, die junge afrikanische Kreative zeigt und vor allem, wie sie arbeiten.
Die Videos begannen fast beiläufig. Ein Freund meinte, sie solle doch mal ein Outfit filmen. Sie wartete, bis sie eines hatte, das sie wirklich interessant fand, und stellte es online. Es kam an, und sie machte weiter. Heute sind es kurze Clips von rund 30 Sekunden: Rachel läuft durch Lagos wie über einen Laufsteg, über Märkte, an Tankstellen vorbei, über die Bahnbrücke in Yaba, während um sie herum der Alltag weiterläuft.
Die Teile stammen aus dem eigenen Kleiderschrank, vom Secondhand-Markt in Yaba oder aus den Entwürfen ihrer besten Freundin. Die Referenzen dagegen sind hohe Modegeschichte: Prada aus dem Jahr 1988, Muglers berühmte Insekten-Kollektion von 1997, alte Musikvideos. High Heels trägt sie übrigens erst seit letztem Jahr.
Das ist ihre Handschrift. Und damit beginnt jede starke Marke: Man erkennt sie sofort, auch ohne grosses Budget.
Der Moment, der alles beschleunigt
Dann kam das Video, das alles veränderte. Rachel und ihre Freundin stylten Looks einer Pariser Laufsteg-Kollektion nach, nur mit Secondhand-Teilen und dem, was sie schon hatten. Sogar Matthieu Blazy, Kreativdirektor von Chanel, kommentierte darunter ein einziges Wort: «Everything», dazu ein Herz. Allein dieser Kommentar bekam über 14'000 Likes.
Und weil Träume wahr werden: Ihr Debüt hatte Rachel bei der Show für Frühling/Sommer 2027 im Grand Palais, also genau für das Haus, dessen Looks sie zuvor auf den Strassen von Lagos nachgebaut hatte.
Viral war Rachel schon vorher. Dieser Kommentar war etwas anderes: die Bestätigung aus der Branche selbst.
Die Community schreibt mit
Den Weg dahin ist Rachel nicht allein gegangen. Unter einem ihrer Videos fragte sogar die Sängerin SZA, wie man Rachel unter Vertrag bringen könne. Ihre Community machte die Frage zu ihrer eigenen. Geantwortet hat Rachel erst, als der Modelvertrag schon unterschrieben war: mit einem eigenen Reel.
Rachels Antwort auf SZA, als der Vertrag schon unterschrieben war.
Rachel verkündete ihre Verträge und schrieb von sechs Monaten, in denen Tausende gemeinsam einen Traum manifestiert hätten. Unter dem Post gratulierte SZA, und auch Naomi Campbell schickte Herzen. Anfang Oktober zählte ihr Instagram-Account bereits über 240'000 Follower, inzwischen sind es über 300'000.
Unterschrieben hat sie bei vier Agenturen:
- No Smoking, New York: die Management-Firma von Kyle Hagler. Er hat schon mit Naomi Campbell gearbeitet und betreut unter anderem Joan Smalls und Anok Yai, die wie Rachel über ein virales Bild entdeckt wurde.
- SAFE Management, Paris: eine kleine Boutique-Agentur mit rund zwanzig Talenten.
- SUPA Model Management, London: eine Londoner Agentur, die seit 2012 besteht.
- Next Canada als Mutteragentur: mit Büros in Montreal und Toronto. Ihre Agentinnen und Agenten begleiten neue Models auf ihren ersten Reisen ins Ausland.
Die Mutteragentur ist die erste Adresse eines Models. Sie baut die Karriere auf und vermittelt an Partneragenturen in den Modestädten. Dass Rachel gleich in New York, Paris und London vertreten ist, zeigt, wie gross das Interesse an ihr ist. So wird aus dem Hype eine Struktur.
Wer dahinter steht
Rachel steht vorne, aber allein ist sie nicht. Ihre beste Freundin Debby Fasingha ist Stylistin und Designerin, sie stellt die Looks mit ihr zusammen. Odey Ikpä filmt die Videos. Und ein enger Freund gab den Anstoss für den allerersten Clip. Die Marke Rachel Ojuromi ist also eigentlich ein kleines Kreativteam aus Lagos.
Das passt zu ihr. Mit The Process Africa holt sie andere junge Kreative ins Licht, statt nur sich selbst. Gegenüber models.com sagte sie: «Ist es wirklich Erfolg, wenn ich die Einzige im Raum bin?»
Wofür sie steht
Für mich steht die Marke Rachel Ojuromi für vier Dinge:
- Kreativität statt Budget: Secondhand-Teile und die Strasse als Laufsteg. Die Idee zählt, nicht der Preis.
- Herkunft als Stärke: Lagos ist nicht Kulisse, sondern Teil der Marke.
- Wissen um Mode: Wer Prada 1988 und Mugler 1997 zitiert, kennt die Geschichte, die er weitererzählt.
- Gemeinschaft: Erfolg teilt sie mit ihrem Team und mit anderen afrikanischen Kreativen.
Sogar ihr Name auf Instagram ist Programm. «Give Rachel a shot» heisst «Gib Rachel eine Chance», und ein «Shot» ist im Englischen auch eine Aufnahme.
Darin steckt für mich auch ihre Mission: Rachel will nicht nur selbst eine Chance bekommen, sondern jedem eine Chance ermöglichen. Denn allein macht es nur halb so viel Spass.
Brand Circle
Rachel Ojuromi, von innen nach aussen
Im Brand Circle stehen nur Marken, die von innen nach aussen gebaut sind: vom Warum bis zum Moment, der bleibt.
Trend entdeckt oder Hype genutzt?
Beides. Secondhand und die Strasse als Laufsteg sind ein Trend, den Rachel nicht erfunden, aber auf ihre eigene Art besetzt hat. Eine junge Frau baut die eigenen Looks mit Secondhand-Mode nach, und die Modewelt reagiert nicht mit Distanz, sondern mit einer Einladung. Den Hype danach hat Rachel genutzt, um Struktur aufzubauen: ein Team, vier Agenturen und eine Haltung. Genau so wird aus Reichweite eine Marke.
Für Rachel beginnt jetzt der schwierigere Teil. Viral gehen ist das eine, eine Marke über Jahre zu führen das andere. Die Agenturen, die Aufmerksamkeit, die Erwartungen: Spannend wird, ob sie ihre Freiheit und ihren Stil behält.
Wo sie in der Megatrend-Map steht
Wie bei den Kardashians habe ich auch Rachel auf die Megatrend-Linien des Zukunftsinstituts gelegt. Das Ergebnis überrascht: Ganz ohne Firma, Investoren oder Familienimperium hält sie schon auf 7 von 11 Linien.
Megatrends als Liniennetz
Wo Rachel hält
Die elf Megatrends des Zukunftsinstituts als Linien, Subtrends als Stationen. Wo Rachel mit ihrer Marke hält, leuchtet die Station: Sie hält bereits auf 7 von 11 Linien.
Konnektivität
2 von 6 Stationen
Social Networks
Reels auf Instagram und TikTok
Digital Reputation
@giverachelashot
Umsteigen: Identitätsdynamik
Platform-Ökonomie
Omnichanneling
Künstliche Intelligenz
Augmented Reality
Identitätsdynamik
3 von 5 Stationen
Female Leadership
Gründerin von The Process Africa
Diversity
afrikanische Kreative im Luxus
Self-Care
Digitale Identität
eine Person als Marke
Umsteigen: Konnektivität
Post-Gender
Ökointelligenz
2 von 4 Stationen
Circular Economy
Secondhand vom Markt in Yaba
Zero Waste
Looks aus dem, was schon da ist
Plant Based
Green Tech
Urbanisierung
1 von 3 Stationen
Third Places
Märkte, Tankstellen, Bahnbrücke
Micro-Housing
Smart City
Globalisierung
1 von 4 Stationen
Global City
von Lagos nach Paris
Nearshoring
Neo-Nationalismus
Multipolare Weltordnung
Wissenskultur
1 von 3 Stationen
Open Knowledge
The Process Africa zeigt das Wie
Lifelong Learning
Edutainment
Future of Work
1 von 4 Stationen
Business Ecosystems
Team, Agenturen, Plattform
Coopetition
Remote Work
Co-Working
Linien ohne Halt
Gesundheit
noch kein Halt
Holistic Health
Self-Care
Selbstoptimierung
Demografischer Wandel
noch kein Halt
Neue Lebensentwürfe
Pro-Aging
Migration
Mobilität
noch kein Halt
E-Mobility
Shared Mobility
Slow Travel
Sicherheit
noch kein Halt
Trust Technology
Resilienz
Transparenz
Rachel hält dort, wo es um Gemeinschaft, Herkunft und Kreislauf geht. Auf den Linien zu Gesundheit, Mobilität und Sicherheit fährt sie ohne Halt durch.
Megatrends nach Zukunftsinstitut (Megatrend-Map 2025), Stationen als eigene Auswahl und Darstellung · Stand Oktober 2026
Wo es mich packt
Unser Zeitalter macht möglich, was früher unmöglich schien: Ein Video von den Strassen in Lagos landet bei einem renommierten Modehaus und bei Stars.
Für manche ist Social Media Überreizung und Überkonsum. Gleichzeitig zeigt es, welchen Impact eine einzelne Person heute haben kann.
Berührt hat mich etwas anderes: Rachel hat ein Thema genommen und es konsequent durchgezogen. Dabei hat sie eine Community aufgebaut, die mit ihr mitgefiebert und ihren Traum mit manifestiert hat. Sie lässt diese Menschen teilhaben und gibt ihnen das Gefühl, Teil davon zu sein. Und ehrlich: Sie waren es.
Als Markenstrategin sehe ich darin auch eine Lektion für Marken: Die stärksten Geschichten entstehen oft nicht in der Werbeabteilung, sondern bei den Menschen, die eine Marke lieben und sie auf ihre eigene Art weitererzählen.
Rachel steht noch mitten im Markenaufbau. Unterschrieben hat sie aber bereits in London, Paris und New York.
Von den Strassen in Lagos in den Grand Palais. Manchmal braucht es nur jemanden, der einem eine Chance gibt. Und eine Community, die daran glaubt.
Stand Oktober 2026 · Megatrends nach Zukunftsinstitut (Megatrend-Map 2025) · Instagram: @giverachelashot · The Process Africa · Quellen: i-D, RUSSH, models.com, Pulse Nigeria, Arbiterz, Fashion Times, 10 Magazine · Bilder: eingebettete Instagram-Posts der jeweiligen Accounts